1-1-2 The Search for Truthfulness and the Pursuit of Self-Actualization/ Die Suche nach Wahrhaftigkeit und das Streben nach Selbstverwirklichung
Teil 4: Bioenergetisch-psychodynamisches Arbeiten in der Postmoderne Kapitel 4.1

Die Suche nach Wahrhaftigkeit und das Streben nach Selbstverwirklichung

Der Beitrag beschreibt, wie sich die Suche nach Wahrhaftigkeit und das Streben nach Selbstverwirklichung seit etwa der Mitte des vergangenen Jahrhunderts entwickelt haben. Dieser Zeitraum lässt sich in drei Abschnitte untergliedern. In der Blütezeit der Humanistischen Psychologie (ca. 1950–1970) steht der Begriff der Selbstverwirklichung für ein ganzheitliches, lebensumfassendes Projekt, wobei die Begegnung von Therapeut und Patient auf persönliche Aufrichtigkeit angelegt ist. In der Bioenergetik werden Wahrhaftigkeit und Selbstverwirklichung eng an das leibliche Selbst gebunden; ihre gelungene Form spiegelt sich als Anmut wider. In der postmodernen Phase (ca. 1970–2000) werden die langfristigen Kontexte von Arbeit, Familie und Beziehungsleben fragwürdig; zugleich entsteht ein starkes emanzipatorisches Verlangen nach alternativen Lebensformen, die einen größeren Spielraum für die individuelle Lebensgestaltung erlauben. Etwa ab dem Jahr 2000 beginnt mit der digitalen Durchdringung der Lebenswelt die Phase der performativen Selbstverwirklichung. Sie zeichnet sich durch ein starkes Bedürfnis nach medialer Selbstdarstellung aus. In dieser Entwicklung hin zum Virtuellen bleibt offen, welche Bedeutung der leiblichen Anwesenheit zukommt.

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  • Selbstverwirklichung und Wahrhaftigkeit sind eng miteinander verzahnt. Auch ein persönlich und sozial anscheinend erfolgreiches Leben kann sich als verfehlt erweisen, wenn es unwahr ist.
  • Seit der Aufklärung nimmt die Selbstverwirklichung des Einzelnen eine zentrale Position im Wertesystem der modernen Gesellschaften ein. Dabei muss der Begriff selbst inhaltlich unbestimmt bleiben.
  • In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts wurde Selbstverwirklichung zum Leitbegriff der Humanistischen Psychologie, die das menschliche Potenzial ausschöpfen will.
  • Mit der Gestalttherapie und der klientenzentrierten Gesprächstherapie entwickeln Fritz Perl und Carl Rogers in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts eine spezifisch humanistische Therapieform, die auf der Begegnung von Klient und Therapeut beruht.
  • Alexander Lowens Bioenergetische Analyse vertieft den humanistischen Ansatz, indem sie Selbstverwirklichung und Authentizität eng an das körperliche Selbsterleben bindet. Ziel der Bioenergetischen Analyse ist eine sich in der Persönlichkeit ausdrückende Anmut.
  • In der Postmoderne (etwa 1970–2000) wird Selbstverwirklichung als Leitbegriff problematisch, da längerfristige, an Beruf und Familie gebundene Lebensprojekte in der flüchtigen Moderne fragwürdig sind. Gleichzeitig schaffen emanzipatorische Kräfte wie die Studenten- und die Frauenbewegung einen neuen Freiheitsspielraum für persönlich gestaltete Lebensformen.
  • In der digitalen Phase unserer Gesellschaft (etwa ab 2000) verschiebt sich die Thematik der Selbstverwirklichung hin zur performativen Selbstdarstellung der persönlichen Besonderheit in den sozialen Medien. Dabei wird die Bedeutung der leiblichen Anwesenheit zunehmend fragwürdig.

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