2-2-4 The Fourth Blow / Die vierte Kränkung
Teil 4: Bioenergetisch-psychodynamisches Arbeiten in der Postmoderne Kapitel 4.2

Die vierte Kränkung

Veränderungen im Erleben, Verstehen und Heilen infolge der vierten technischen Revolution

Der Beitrag untersucht die Auswirkungen der Digitalisierung bzw. künstlichen Intelligenz (KI) auf das menschliche Erleben, Verstehen und Heilen. Er vergleicht die damit einhergehenden Entwicklungen mit den drei großen historischen Kränkungen der Menschheit durch wissenschaftliche Erkenntnisse: die Kopernikanische Wende, Darwins Evolutionslehre und Freuds Entdeckung des Unbewussten. Die Veränderungen bezüglich des Selbstgefühls bzw. der Identität unter dem Einfluss digitaler Technologien werden diskutiert, sowie auch die daraus resultierenden Herausforderungen für die Psychotherapie. In diesem Zuge werden der aktuelle Trend zur Selbstkonstruktion und die zunehmende Entsinnlichung kritisch betrachtet. Der Autor zeigt auf, wie sich dadurch das menschliche Zusammenleben und die Beziehung der Menschen zur Umwelt verändern. Insbesondere zeichnet er die aktuellen Entwicklungen rund um KI und deren Auswirkungen für Bildung, ethische Fragestellungen und nicht zuletzt auch Psychotherapie nach. So werden z.B. emotionale Robotik und Virtual Reality mit Blick auf ihren möglichen Einsatz im psychotherapeutischen Setting vorgestellt und die damit einhergehenden Chancen und Risiken für die Bioenergetik erläutert.

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  • Nach den drei von Freud beschriebenen Kränkungen (Erde ist nicht Mittelpunkt des Universums; der Mensch hat sich evolutionär aus dem Tierreich entwickelt; der Mensch ist nicht nur von der Vernunft geleitet) nähern wir uns einer vierten technologischen Kränkung: Es gibt eine dem Menschen überlegene Intelligenz.
  • Die erste Welle der Digitalisierung ermöglichte die Erschaffung von Ich-Objekten und führte zu einer bisher unbekannten sozialen Vernetzung, die soziale Bedeutungen generiert, aber auch neue Formen sozialer Kontakte eröffnet. Beides hat Folgen für die Identitätsbildung: Ist meine (Körper-)Zelle oder das Pixel meines WhatsApp-Profilbildes die Basis meines Selbstgefühls?
  • Dies hat auch Folgen für die Bindungsorganisation, z.B. neue Herausforderungen in Bezug auf Individuation, Separation und Autonomie oder die Bewältigung von Einsamkeitsgefühlen bzw. Langeweile.
  • Die neuen technischen Möglichkeiten führen dazu, dass Selbstwahrnehmung durch Selbstvermessung ersetzt wird. Zudem entsteht im Digitalen ein zunehmender Imperativ der Selbstkonstruktion.
  • Es ist nicht nur für die Bioenergetische Analyse interessant, welche Bedeutung wir künftig leiblicher Präsenz und der Kraft der körperlichen Gegenwart zuschreiben. Menschliche Resonanzerfahrungen drohen zu verarmen. Das »totale Sinnesorgan des Leibes« konkurriert mit Datenanalysen.
  • Computer-Körper-Schnittstellen (Cyborgs) entwickeln sich mit atemberaubender Geschwindigkeit. Schon heute lassen sich aus den Wortvorstellungen hirngeschädigter, sprechunfähiger Patienten Avatare erstellen, die die imaginierten Worte sprachlich äußern.
  • Auch in der Psychotherapieforschung kommen zunehmend KI-basierte Techniken zum Einsatz, um auf die psychische Befindlichkeit von Klienten zu schließen. Dabei steht immer die Frage im Raum, inwiefern eine KI den Klienten besser »erspüren« oder »verstehen« kann als ein Mensch. Gehen wir in ein Zeitalter des Transhumanismus oder brauchen wir einen neuen Humanismus der Verkörperung, wie es Thomas Fuchs fordert?

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