2-2-2 New Forms of Suffering / Neue Leiden
Teil 4: Bioenergetisch-psychodynamisches Arbeiten in der Postmoderne Kapitel 4.4

Neue Leiden

Störungsbilder und der gesellschaftliche Wandel

Der seit dem 19. Jahrhundert in den Industriegesellschaften zunehmend zu beobachtende Prozess der Individualisierung hat spezielle Ausdrucksformen psychischen Leidens hervorgebracht, die in enger Wechselwirkung mit den politischen, technologischen und kulturellen Werten der jeweiligen Epoche stehen. Aus einer zunächst psychodynamischen und später bioenergetischen Perspektive vollzieht der Autor diese Veränderungen nach. Dabei nimmt er vertieft auf den aktuellen postmodernen Zeitgeist Bezug und zeigt, dass das derzeitige individualisierte Identitätsverständnis das Auftreten von Erschöpfungserkrankungen wie Depressionen begünstigt. Die Gründe hierfür liegen vorrangig im Scheitern an frühkindlichen Verselbstständigungs-Aufgaben. Damit kann das Kind nicht ausreichend die mentalen Fähigkeiten erwerben, um Getrenntheit (orale Stufe), Verlassenheit (anale Stufe) und Ausgeschlossenheit (ödipale Stufe) zu akzeptieren, und es kommt zu Defiziten bei der Entwicklung der psychischen Struktur. Entsprechend plädiert der Autor dafür, den Aspekt der Bewältigung von kindlichen Entwicklungsaufgaben stärker in den Fokus der bioenergetischen Therapie zu rücken.

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  • Durch die Einführung der Hypnose zur Behandlung der Hysterie wurden psychische Störungen 1878 erstmalig als eigenständige Erkrankungen anerkannt.
  • Die Ausdrucksformen psychischer Erkrankungen sind immer eng an die sozialen, kulturellen und technologischen Entwicklungen der jeweiligen Epochen gebunden.
  • Während die Psychoanalyse in ihren Theorien immer wieder auf soziokulturelle Veränderungen reagiert, hat sich die Bioenergetische Analyse seit den 1970er Jahren – als ihr Angebot, ein in den eigenen Gefühlen verwurzeltes Leben führen zu können, auf große Resonanz stieß – nicht mehr ausreichend an den gesellschaftlichen Wandel angepasst.
  • Gegenwärtig wird der Prozess der Individualisierung insbesondere durch postmoderne Kulturtheorien mitbestimmt, welche die Idee eines kohärenten, stabilen Selbstgefühls für überholt halten. Vielmehr plädieren sie für eine gesellschaftliche Veränderung in Richtung einer selbstbestimmten Individualisierung, die auch die freie Wahl der geschlechtlichen Identität umfasst.
  • Dieses individualisierte Identitätsverständnis der Postmoderne führt zu einem verstärkten Auftreten von Erschöpfungskrankheit wie Depressionen oder Burnout, die sich mit dem Charakterabwehrmodell der Bioenergetischen Analyse nur noch unzureichend erklären lassen.
  • Da die im Körper wurzelnden Affekte jedoch nicht nur aus Sicht der Bioenergetischen Analyse eine unverzichtbare Bedingung des Lebendigen bleiben, sollten psychodynamische Theorieansätze zur Bewältigung frühkindlicher Verselbstständigungsaufgaben in das bioenergetische Charakterabwehrmodell integriert werden.
  • Dann können Bioenergetische Analytikerinnen gemeinsam mit ihren Klientinnen untersuchen, in welchem Umfang die für ein individualisiertes Leben zentralen psychischen Fähigkeiten, Getrenntheit (orale Phase), Verlassenheit (anale Phase) und Ausgeschlossenheit (ödipale Phase) zu akzeptieren, zur Verfügung stehen bzw. im sicheren Rahmen der therapeutischen Beziehung nachträglich erworben werden müssen.

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