1-1-4 From Drive Orientation to Relationship – The Concept of Character Structures through the Ages
Teil 2: Behandlungstheoretische [...] Kernelemente der psychodynamischen Bioenergetik Kapitel 2.2

Von der Trieborientierung zur Beziehung

Das Konzept der Charakterstrukturen im Wandel der Zeit

Das in den Vorstellungen eines biologischen Triebes wurzelnde Konzept der funktionalen Identität und der Charakterstrukturen, das untrennbar mit Wilhelm Reich und Alexander Lowen verknüpft ist, war und ist Körperpsychotherapeut*innen unterschiedlichster Schulen ein wichtiger Bezugspunkt. Das zugehörige Charakterstrukturmodell zeichnet sich durch die Verknüpfung von körperlichem Geschehen und (Gegen-)Übertragungs-Phänomenen, d.h. dem Unbewussten in der Beziehung, aus. Mit zunehmender Konzentration auf frühe Störungen geriet das Modell in den Hintergrund. Dieser Artikel versucht, es wieder mit den Fragestellungen moderner Körperpsychotherapie in Verbindung zu bringen – und damit Alexander Lowens Anspruch zu folgen, wonach neue Fragestellungen auch neue Denk- und Behandlungsmethoden nach sich ziehen. Unterstützt wird dieser Anspruch durch die wachsende Erkenntnis, dass frühe körperliche Erfahrungen in der Beziehung zu ersten Bezugspersonen die Stabilität unserer Persönlichkeit und unsere späteren Selbstregulationsfähigkeiten bedingen. Ein intersubjektives Therapiekonzept, wie es in der modernen Bioenergetischen Analyse verbreitet ist, erfährt theoretische Unterstützung bzw. Verortung in den charakterstrukturellen Konzepten.

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  • Persönlichkeitsstrukturen und damit verbundene Leidenszustände sind immer ein Abbild der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Herausforderungen.
  • Reich beschreibt als erster Psychoanalytiker die funktionale Identität von körperlichen und psychischen Abwehrvorgängen.
  • Freud und Reich entzweiten sich bei der Frage, ob der Mensch einen destruktiven Kern (Todestrieb) hat, der durch Sozialisation erst gesellschaftstauglich gemacht werden muss, oder ob der Mensch im Kern konstruktiv und liebend ist.
  • Die Charakterstrukturen nach Lowen sind – aufbauend auf der funktionalen Identität – Beschreibungen körperlicher und psychischer Abwehr- und Widerstandsmuster auf neurotischem Niveau.
  • Lowens Charakterstrukturen folgen in der Entstehungshistorie frühkindlichen Entwicklungsanforderungen. Lowen spricht von schizoider, oraler, psychopathischer, masochistischer und rigider Charakterstruktur. Reinhold Dietrich folgend können die Strukturen weniger pathologisierend als denkorientierte, bedürfnisorientierte, kontrollorientierte, belastungsorientierte und leistungsorientierte Charakterstrukturen bezeichnet werden.
  • Die Säuglings- und Bindungsforschung legt einen sehr frühen Entwicklungsbeginn der Charakterstrukturen nahe. Später werden die Strukturen durch einen kognitiven Überbau gefestigt.
  • Auch frühe Störungen und eine strukturelle Diagnose nach OPD-2 lassen sich charakterstrukturell abbilden. Hier bieten der körperliche Zugang der Bioenergetischen Analyse und die funktionale Identität des körperlichen und psychischen Unbewussten eine erweiterte Perspektive.
  • Ein intersubjektives Beziehungsverständnis in der Bioenergetischen Analyse erleichtert den Blick auf frühe Störungen der Klient*innen.
  • Eine bessere Orientierung in der interaktionellen Matrix wird möglich, wenn charakterstrukturelle Themen als Beziehungsthemen verstanden werden.

Die folgenden Fragen bewegen sich nicht auf der Ebene einer intellektuellen Reflexion des Gelesenen, sondern sollen zur Selbstreflexion und zur Erweiterung der eigenen Wahrnehmung – auch im Sinne der eigenen bioenergetisch-analytischen Erfahrung – anregen.

  1. Was wissen Sie über Ihre charakterstrukturellen Fixierungen? Wo werden sie für Sie spürbar? Wie sind Ihre Haltungen, Atemmuster und Bewegungsimpulse in Stresssituationen? Wo erleben Sie Verspannungen und Bewegungseinschränkungen?
  2. Was sind Indizien für Sie persönlich, dass Sie gerade einen strukturellen Einbruch erleben? Welche körperlichen oder emotionalen Warnhinweise gibt es?
  3. Welche Beziehungskonstellationen suchen Sie? Welche erleben Sie als konflikthaft? Welche erleben Sie als destabilisierend?
  4. Welche Möglichkeiten zur eigenen körperlichen Stabilisierung sind Ihnen bekannt? Wo gilt es noch Neues zu entwickeln?

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