2-4 Joining and Gilding – Healing Paths for Complex Post-Traumatic Stress Disorders | Zusammenfügen und Vergolden
Teil 3: Ausgewählte Anwendungsbereiche der psychodynamischen Bioenergetik Kapitel 3.2

Zusammenfügen und Vergolden

Heilungswege bei komplexen posttraumatischen Belastungsstörungen

Nach einer kurzen Definition von Trauma und den verschiedenen Stufen (komplexer) posttraumatischer Belastungsstörungen folgen die neurophysiologischen Grundlagen, die für ein Verständnis früher Entwicklungsstörungen und späterer Dissoziationsprozesse nötig sind. Anschließend werden die Grundlagen der Traumaverarbeitung erläutert, insbesondere die Fähigkeit zur Selbstregulation und die Ressourcenorientierung. Dabei wird die innere Haltung der Psychotherapeutin als wesentlicher Schlüssel für die Arbeit mit Menschen mit komplexer PTBS herausgearbeitet und es werden mit Grounding, Titration und Pendeln drei grundlegende Methoden zur Traumaverarbeitung vorgestellt. Kurze Fallvignetten aus der therapeutischen Praxis, ein Selbsterfahrungsbericht einer Klientin und ein Ruf nach einer traumasensiblen Gesellschaft runden den Essay ab.

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  • Eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entsteht, wenn die Betroffenen traumatisierende Erlebnisse weder physisch noch psychisch verarbeiten können.
  • Individuelle Ressourcen, positive Vorerfahrungen und Bindungssicherheit beeinflussen die Verarbeitung traumatisierender Erfahrungen und können das Entstehen einer PTBS verhindern.
  • Eine komplexe PTBS oder eine dissoziative Identitätsstruktur entsteht, wenn in der frühen Kindheit aufgrund von Bedrohungen oder einem Mangel an Zuwendung bzw. Versorgung keine ausreichenden psychophysischen Strukturen ausgebildet werden konnten und/oder die traumatische Situation von Menschen verursacht, von langer Dauer und ohne – subjektiv wahrgenommene – Aussicht auf Hilfe ist.
  • Bei einer dissoziativen Identitätsstruktur ist das Selbst fragmentiert. Der psychische Mechanismus der Spaltung sichert das Überleben der betroffenen Person.
  • Für die Therapie einer komplexen PTBS oder einer dissoziativen Identitätsstruktur muss die Therapeutin in einer authentischen Weise ankennen, das die Klientin als »Trauma-Überlebende« über ein immenses Inventar an Ressourcen verfügt.
  • Für die hinreichende Sicherheit aller Innenanteile der Klientin ist ein kooperatives Arbeitsverständnis unverzichtbar. Insbesondere muss Einigkeit zwischen der Therapeutin und der Klientin herrschen, dass das Wissen beider gebraucht wird, dass die Therapeutin als menschliches Gegenüber bestehen bleibt (das Kritik hört und anerkennt), dass die Überlebensstrategien der Klientin sorgsam erforscht werden und dass der Heilungsprozess gemeinsam gestaltet wird.
  • Da im Falle einer dissoziativen Identitätsstruktur unintegrierte Persönlichkeitsanteile eine entscheidende Rolle spielen, ist es sehr empfehlenswert, nicht nur die Alltagsperson, sondern auch die unterschiedlichen Innenanteile in das Prozessgeschehen einzubeziehen, z.B. durch Formulierungen im Plural oder gezielte Ansprachen (»Weiß noch jemand anderes etwas über diese Situation?«, »Gibt es da jemanden, der das gefühlt hat?«). Auch die Gegenübertragungsgefühle der Therapeutin (z.B. Angst, Erstarrung, Zorn, Verwirrung oder Schmerzen) können Hinweise auf abgespaltene Persönlichkeitsanteile sein.
  • Bei jeder komplexen PTBS findet sich eine Verbindung von Angst und Immobilität. Ihre Entkopplung ist ein zentraler Schlüssel für die therapeutische Arbeit. Indem die verborgenen Aggressionen achtsam-körperlich ausgedrückt werden, können sie sich in eine Kraftressource transformieren.
  • Grounding-Übungen dienen dem Einüben einer einigermaßen sicheren Selbstwahrnehmung, der Stabilisierung und der Selbstregulation. Wenn Gefühle drohen, »zu viel« zu werden, hilft die Brücke zu bereits eingeübten Grounding-Übungen und/oder die empathische Berührung durch ein reguliertes Gegenüber.
  • Bei Pulsationstechniken wird die Klientin vorsichtig mit traumatischen Erlebnissen konfrontiert, kann jedoch jederzeit zu sicheren, körperlich verankerten Bewusstseinsinseln zurückkehren.
  • Bei Titrationstechniken erfolgt die Aufarbeitung einer konkreten Situation aus dem Dort und Damals in kleinsten Erinnerungsschritten durch Prozessieren der Körperwahrnehmungen und Gefühle im Hier und Jetzt. Dabei lernt das psychophysische System, durch die Erfahrung »hindurch« zu gehen, d.h. nicht in Erstarrung, Angst oder Wut steckenzubleiben und zu einem Energiefluss, zu Wärme und Selbstermächtigung zu gelangen.
  • Am Ende einer Traumatherapie steht das Ziel, die erlittenen Erlebnisse in einer affektiv-distanzierten Form als abgeschlossene Vergangenheit erinnern zu können. Voraussetzung dafür ist, dass der vorangegangene therapeutische Prozess einen stabilen Alltag ermöglicht, zu einem möglichst vollständigen Abbruch aller Täterkontakte geführt hat und einen sicheren Umgang mit selbstregulatorischen Fähigkeiten gewährleistet.

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